Sonntag, 22. März 2009
Unerwartet
Er saß in der letzten Reihe, den Rücken zur Wand, somit den Innenraum komplett im Blick.
Sein Blick schaute die Landschaft, welche sich im beginnenden Morgengrauen abzeichnete.
Rheinhessische Toscana, sanfte Hügel, weite Felder mit Obstbäumen.
Sein Weg ging heute nach Mainz, wie schon die letzten Wochen.
Es herrschte Stille, so früh am Morgen waren nicht sehr viele unterwegs.
Die meisten wohl auf dem Weg zur Arbeit, so wie er.
Der ein oder andere war jeden Tag zu dieser Zeit, immer im selben Waggon sitzend, langsam bekannt.
Er wusste mittlerweile wer wann Zu- oder Ausstieg.
An der Kleidung ließ sich sogar ablesen, wo der Einzelne seinem Tagwerk nachging.
Die nächste Station war erreicht. Hier würde sie zusteigen.
Mitte zwanzig, hellblonde Haare, zusammengebunden zu einem Pferdeschwanz.
Auf dem Kopf ein Base Cap im Military-Look. Die einzige Konstante, ansonsten immer anders gekleidet. Mit leicht melancholischem Blick, der die Frage heraufbeschwor, ob es dafür einen Grund gab.
Immer einen Stahlbecher, er vermutete mit Kaffee gefüllt, in der einen Hand.
In den Ohren das Headset des MP3-Players.
Die Bahn kam zum Stillstand, die Türen öffneten und sie stieg ein.
Blickte sich im Wagen um und ging dann direkt zu ihrem Stammplatz, direkt ihm gegenüber.
Heute sah sie besonders gut aus.
Gekleidet in eine Jeans über der hellbraune Stiefel bis fast zum Knie reichten.
Eine weiße Bluse deren obere drei Knöpfe geöffnet waren und einen attraktiven Ausblick auf das makellose Dekolleté zu ließ. Darüber eine ebenso hellbraune Glattlederjacke, welche ihre schlanke Figur betonte und ihren Busen hervor hob.
Die Haare heute ungebunden, umrahmten ihr schönes Gesicht, in dem die grünen Augen besonders auffielen. Heute trug sie kein Base Cap.
Sie war nicht besonders groß, höchstens 162 cm, dafür aber geballte Sinnlichkeit und Erotik.
Er grüßte sie mit einem Kopfnicken und einem Lächeln, sie lächelte zurück.
Ein Ritual seit den ersten Tagen.
Bisher waren sie nie in ein Gespräch gekommen.
Jeder hing seinen Gedanken nach, bis zum Ausstiegspunkt.
Aus den Lautsprechern wurde Mainz Hauptbahnhof angesagt.
Hier stiegen sie beide immer aus. Hier hatte er sie immer aus den Augen verloren.
Sein letzter Blick war immer der, ihrem verführerischen Gang zu folgen, bis sie die aufwärtsführende Treppe beschritt und in der Menge entschwand.
So passierte es auch heute.
Er ging zu seinem Bussteig, zu dem Bus der ihn zu Klinik fahren würde.
Wenn er mehr Zeit gehabt hätte, er würde ihr folgen.
Sehen, wo sie arbeitet, sich eine Vorstellung machen von ihrem Tagesablauf.
Doch er hatte nur knapp drei Minuten, bis der Bus abfuhr.
Er überlegte ob er an einem freien Tag, diesem Wunsch mehr über sie zu erfahren, folgen sollte.
Sein Bus stand bereit, er stieg ein und die Türen schlossen sich hinter ihm. Die kurze Fahrt zur Klinik hatte begonnen.
Immer noch den Anblick ihrer Gestalt vor Augen stieg er an der Klinik aus und begab sich zu seiner Einsatzstelle.
Der heutige Tag forderte seine ganze Aufmerksamkeit, ein paar sehr gefährdete Patienten standen für heute auf dem Programm.
Keine Zeit irgendwelchen romantischen Gedanken nachzuhängen.
Er bereitete vor, Infusion gerichtet, Medikamente aufgezogen, den Respirator auf Funktion überprüft. Zugänge und Intubationsmaterial für den Einsatz bereitgelegt, den Monitor angeschaltet.
Alles war nun bereit für den ersten Patienten des Tages, sechs weitere würden folgen.
Ein kurzer Moment freier Zeit, was sie wohl jetzt gerade machen würde?
Doch keine Zeit darüber weiter nachzudenken, der erste Patient wurde in die Einleitung gefahren.
Der Anästhesist für heute noch nicht aufgetaucht, schloss er seinen Patienten an das Monitoring aus EKG, Blutdruck und Sauerstoffsättigung an. Legte einen venösen Zugang in die linke Hand, stellte die dazu gehörigen Routinefragen und wartete auf den Beginn der Narkose.
Da es nun schon 08:00 Uhr war und immer noch kein Anästhesist in Sicht, schrieb er die ersten Werte in das Narkoseprotokoll. Es würde also heute zu Verzögerungen im Ablauf kommen.
Nach weiteren Minuten des Wartens erschien der Narkosearzt endlich.
In seinem schlepp zwei Schatten.
Studenten der Medizin, die jetzt ihre Famulatur hatten, ein Praktikum von sechs Wochen.
Zeit, in der diese angehenden Mediziner Fertigkeiten erlernen sollten, die den Alltag bestimmten.
Erstkontakt mit der Realität, den möglichen Fehlern und den manchmal harten Situationen, wo nichts so klappte, wie es sollte. Die allermeisten waren in den ersten Tagen übernervös.
Es würde sich ändern, keine Frage, aber für heute war in der Ecke stehen angesagt.
Durch den Fakt, dass der erste Patient schon auflag und die Zeit deutlich fortgeschritten, verzichtete man auf das Vorstellen der Schatten. Später, wenn der Patient in Narkose war, würde es dazu Gelegenheit geben.
Mit professioneller Gewohnheit ging es nun daran, die verlorene Zeit wieder aufzuholen und den Patienten in den für den Eingriff notwendigen Zustand zu bringen.
Kurze präzise Anweisungen, eigentlich überflüssig für ihn, da er genauso gut wusste, was gebraucht wurde, beherrschte die folgenden Minuten.
Seine Ausführungen, ebenso präzise und routiniert zeichneten einen schnellen Erfolg.
Es war vollbracht, der Patient intubiert, beatmet in tiefer Narkose.
Man fuhr in den OP vor, noch einige Handgriffe und das Operationsteam konnte seine Arbeit aufnehmen.
Nun da die Operation ihren Lauf nahm, war Zeit sich vorzustellen.
Als er den einen Schatten anschaute, hatte er ein leichtes Grinsen im Gesicht.
Die Augen, Flaschengrün und leuchtend.
Als einziges vom Gesicht nicht durch Mundschutz und Haube verdeckt , kannte er.
Daran hatte er sie erkannt.
Die langen blonden Haare waren durch die Haube zu gut versteckt gewesen.
Nun wusste er das, was er zu erfahren gewünscht.
Von jetzt an hatten sie morgens in der Bahn Gesprächsstoff.
Vielleicht würden sie sogar etwas zusammen unternehmen.
To be continued…….
Herbstspaziergang
Er stand nach langer Zeit wieder an dieser Stelle, die Bank im Rücken auf der er vor Jahren gesessen und das Ende seiner Ehe beweint hatte.
War das wirklich schon so lange her?
Sieben Jahre.
Lebenszeit mit höhen und tiefen.
Bildern im Kopf voll Wärme, Bildern aber auch von Trennungen.
Hier die Frühlingslandschaft am Feldberg, erotische Momentaufnahme einer glücklichen Zeit.
Da der Urlaub auf Mallorca mit der abendlichen Stimmung am Strand.
Der Trennungsabend bei einer anderen Frau mit leiser Musik und Rotwein.
Den letzten Blick in grüne Augen den er nie vergessen hatte.
Neue Bilder voller Lust und Leidenschaft tauchen wieder auf.
Sie umfangen ihn mit ihrer erotischen Kraft.
Immer noch wirken sie nach der vergangenen Zeit.
Andere unschöne Bilder, erzeugt durch eine SMS, damals hatte er geglaubt es zerreißt sein Herz.
Sie hatte geschrieben dass sie im Urlaub vergewaltigt worden sei.
Er saß zu dieser Zeit in Deutschland, allein.
Sie hatte später gebeichtet das alles erlogen war, das sie einfach Bock auf was mit mehreren Männern hatte.
Da war die Beziehung aber schon lange vorbei.
Er spürt wieder den Hass und die Wut, spürt aber auch wieder die Enttäuschung von damals als sie ihm dann alles gesagt.
Die Zeit nach ihr war voller Trauer ob des missbrauchten Vertrauens und der ganzen Lügen.
Denn auch in Deutschland und daheim war sie kein Kind von Traurigkeit.
Er hatte sie ja auch genossen, ihren Körper, ihre festen Brüste, diesen wundervollen Leib.
Sie zu küssen, schmecken, riechen, zu hören wenn sie kam.
Auch heute noch sieht er die Bilder.
Sie war so willig, geil und heiß.
Sie hatte ihn komplett gefangen, sie gab sich hin als ob es kein morgen gäb.
Emotional war er ihr völlig hörig, er durfte nichts, sie dafür alles.
Die intensivste Zeit seines Lebens. Im guten wie im schlechten, denn auch im Streit war sie ein Pulverfass.
Sie konnte ohne Zögern, von jetzt auf gleich, nicht nur die Stimme erheben. Sie schrie bis zur Heiserkeit. Sie warf mit Gegenständen, die zerbrachen, sie schlug mit Fäusten, Pfannen, allem was sie greifen konnte.
Vorbei !
Der Frieden ist bei ihm geblieben.
Diesen schuldet er der Frau die ihn mit sanfter Hand von diesem Trauma befreite.
Sie war für ihn Heim und Hafen, den er schon nicht mehr sehen wollte.
Nun steht er wieder an dieser Stelle, schaut über das Land.
Auch dieser Mensch ist nun Vergangenheit.
Er weiß was er ihr alles schuldet, doch wie sie ist in ihrer Art, so launisch, unruhig und Zigeunerhaft, hat sie es nicht geschafft dort anzukommen. So wie auch in ihren Vorbeziehungen nicht.
Stets war sie vor sich selbst auf der Flucht. Irgendetwas in ihr zerstört seit Kindertagen.
Er wusste darum und versuchte ihr der Partner zu sein, den sie sich immer gewünscht hatte.
Doch irgendwann fing der Reigen von vorne an, sie ging auf Suche.
Die Zeit mit ihm wurde immer stiller, auf Feten und Party`s drehte sie dann auf.
Hier fing es dann auch wieder an mit flirten und baggern.
Er saß dabei, beobachtete und erkannte.
Er sprach sie an und hatte doch den Kampf schon lange verloren. Im Kopf hatte sie ihn schon längst betrogen.
Es ging dann noch eine ganze Zeit, in der sie sich von ihm entfernte.
Die Trennung plante, auch neuen Mann und neue Wohnung.
Auf den Punkt genau machte sie ihr Ding.
Erst ganz zum Schluss hat er erkannt wie das ganze abgelaufen.
Die Trennung hat er ihr ausgesprochen, beendet hat sie es dennoch
Jetzt sitzt er wieder auf jener Bank, die diesen Blick bis in die Ferne schweifen lässt.
Wieder hat er hier die Ruhe und den Frieden gefunden, die Stille, die es ihm ermöglicht, Abschied zu nehmen von dieser Zeit.
Leise ziehen Wolken über den herbstlich blauen Himmel.
Er hat sie wieder, die Bilder voller Zärtlichkeit.
Wie sie am Anfang eng umschlungen sich liebten vor dem Kamin.
Die Sommerzeit auf jener Insel, ihr tanzen voller Lebensfreude.
Er weiß sie kann nicht bei ihm bleiben, sie muss weiter.
Er hat es klar, beim Blick auf herbstlich bunte Blätter.
Er lässt sie ziehen, sie ist frei.
Es gibt nichts zu bereuen, nichts zu vergessen, nichts zu verzeihen.
Langsam geht die Sonne unter, er steht auf und geht den langen Weg zurück zu seinem Wagen.
Vorbei an jenem Haus wo er vor nun sieben Jahren gewohnt, geliebt, gelitten hat.
Ein leises, melancholisches Lächeln umspielt seine Lippen.
Er weiß dass auch diese Frau in weiter gebracht hat. Noch ist er nicht bereit für Neues, doch irgendwann….
Sein inneres ist froh und leicht, als er die Wagentüre öffnet.
Diesmal ist er nicht daran zerbrochen.
Diesmal ist er bei sich angekommen.
